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Zuviel Ordnung ist auch nicht gut, sagt der Psychologe und hr1-Profi-Teamer Joachim Lask.

„Die meisten Menschen, die eher chaotisch sind, wären gerne ordentlicher“, sagt hr1-Profi-Teamer Joachim Lask. „Ich nehme mir beispielsweise immer wieder vor, meine Flip-Charts endlich leserlich zu beschriften. Aber im Grunde hab ich’s dann auch schnell wieder aufgegeben“, sagt der Psychologe und scheint das nicht schlimm zu finden. „In der Psychologie“, erklärt er, „zählt Gewissenhaftigkeit zu einem der fünf Aspekte, mit denen man die Persönlichkeit eines Menschen zu beschreiben versucht.“ Die Skala der Gewissenhaftigkeit reicht von Perfektionismus, Ordnungsliebe, Besonnenheit auf der einen Seite und Chaos, Flexibilität, Spontaneität auf der anderen Seite. Für den einen ist die Reduktion und das Ordnen eine Form der Stressbewältigung. Der andere sammeln gerne Dinge, um sich alle Optionen offen zu halten und für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Beide finden so ein Gefühl von Sicherheit.

Im Alter von 17, 18 Jahren sei diese Seite der Persönlichkeit ausgeprägt. „Das heißt nicht, dass man sich danach nicht mehr ändern kann. Man muss es dann nur wirklich wollen“, sagt Lask. Man könne allerdings auch akzeptieren, dass man eben - salopp gesagt - eher ein Ordnungsfreak oder eher ein Chaosfritze sei. Und sich ab und an Hilfe holen. „Wenn ich es als Chaosfritze beispielsweise nicht hin kriege, endlich die Steuer fertig zu machen, kann ich meinen Partner bitten, mich gezielt dabei zu unterstützen.“ Andersherum könnte der Ordnungsfreak, der alles so sehr aufgeräumt hat, dass er das Leben gar nicht mehr spürt, den Partner bitten, beispielsweise den nächsten Urlaub zu organisieren, gerade weil dann vielleicht nur die Himmelsrichtung feststeht, wenn’s losgeht.

Häufig sucht man sich einen Partner mit genau den Persönlichkeitsaspekten, die einem selbst fehlen. Das birgt natürlich Konfliktpotential. Aber auch die Chance zu wachsen. Wichtig sei, das Anderssein grundsätzlich zu respektieren, dem anderen die Schattenseiten der Persönlichkeit nicht vorzuwerfen, sich vor seinen Stärken zu verneigen und anzuerkennen, dass man mit anderen Lebensstrategien offensichtlich auch gut überleben kann.

Heißt das, ich soll als Ordnungsfreak warten, bis mein Chaosfritze endlich von selbst einsieht, dass er Hilfe bei der Steuer braucht und mich fragt? Nein, sagt Joachim Lask. „Ein lauerndes ‚Ich würde dir ja helfen‘ ist manipulativ, nicht respektvoll.“ Stattdessen solle man sich an die eigene Nase greifen und sagen „Hilf mir die Gelassenheit zu erlangen, die Steuer so spät abzugeben. Ein VHS-Kurs zur Gelassenheit kostet viel mehr als die Säumniszuschläge.“

Es kann aber auch sein: Der Ordnungsfreak ist nicht restlos überzeugt und mutmaßt, in Punkto Sauberkeit und Aufgeräumtheit mit einer niedrigeren Toleranzschwelle dann trotzdem ständig den Kürzeren zu ziehen. „Wenn das so ist“, sagt Lask, „muss man sich fragen, ob es in der Partnerschaft noch darum, dass es dem jeweils anderen gut geht, oder ob einer auf die Kosten des anderen lebt.“ Ist es noch ein Geben und Nehmen, will man noch im biblischen Sinne einander Gehilfe sein? Bei solchen Konflikten müsse jeder seine Wünsche und Bedürfnisse auf den Tisch bringen. „Heimliche Wünsche werden unheimlich selten erfüllt.“ Und – ganz wichtig – in der Lösung müssen sich beide wiederfinden. Ein Plan zum Putzen beispielsweise käme dem Ordnungsfreak entgegen. Der Chaosfritze bräuchte darin vielleicht die Freiheit, dass der Plan erst mal nur für eine Woche gilt und er Putzen kann, wann er will.

Ein Frühjahrsputz könnte also für den Chaosfritzen und den Ordnungsfreak unterschiedlich aussehen: Der eine könnte sich vornehmen, von jedem Papierstapel ein Zweidrittel wegzuschmeißen. Der andere könnte etwas spontan Neues wagen und nur mit Vorbehalten aufräumen.